Moderne Zeiten?!

In letzter Zeit lese ich immer häufiger Worte, mit denen ich eigentlich nicht wirklich etwas anfangen kann. Einerseits sind es ziemlich moderne Worte, die gerade erst dabei sind, Einzug in unser Leben zu halten, andererseits scheinen sie aus dem technisch digitalen Bereich zu kommen, einer Abteilung des Lebens, die für mich als schon älteren Bürger nur noch schwer zu erfassen ist.

KI steht da auf einmal, wohl eine Abkürzung für künstliche Intelligenz, eine Erscheinung, die in Zukunft unsere Leben immer mehr bestimmen soll, zu unserem Vorteil, zu unser aller Nutzen. Und überall soll sie drinstecken, aber wie soll man sie finden, wenn man nicht weiß wie sie aussieht?

Algorithmen ist auch so ein Wort, was bei mir viele virtuelle Fragezeichen auf der Stirn hinterlässt. Auch hier die Frage, was machen sie und wo findet man sie?

Algorithmen sollen unser Leben erleichtern, in dem sie als unsichtbare Helfer Empfehlungen abgeben, Vorschläge unterbreiten und uns lästige Auswahlverfahren abnehmen.

Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt nicht verstanden worum es bei diesen Begriffen überhaupt geht, bis mir das wirkliche Leben die Lösung auf dem Präsentierteller serviert hat.

Neulich wollte ich bei einem kostenpflichtigen Bildersuchdienst ein Abbild eines Mannes suchen,welcher nur noch einen äußerst dürftigen Besatz an Kopfhaar zur Verfügung hat. Da ich nicht wusste, unter welcher Rubrik ich am besten unter den ganzen Kategorien zu suchen hatte, gab ich im Suchfeld einfach das Wort „Glatze“ ein, und war unmittelbar darauf stark verwundert, fast ausschließlich wunderbare Bilder von Greifvögeln zu erblicken, die mich zwar optisch beeindruckten, mir meine Suche aber erschwerten.

In der Folge verfasste ich eine kurze Mail an den Suchdienst, rief dann aber auch bei der Servicehotline an, weil nach fünf Minuten immer noch keine Antwort vorlag. Aber auch die Callcentermenschen verstanden nur Bahnhof, und kritisierten mich eher für meinen Wunsch, glatzköpfige Männer gehobenen Alters erspähen zu wollen. Wutentbrannt beendete ich das Gespräch, und wollte mich gerade auf die Suche nach einer anderen Quelle machen, als mein Fernsprechgerät einen Klingelton von sich gab, und eine Frauenstimme um Entschuldigung für meinen erhöhten und umständlichen Suchvorgang bat.

Schuld waren einzig und allein die Algorithmen, jene digitalen Helfer, die uns eigentlich hilfreich unter die Arme greifen sollen.

Der Bildersuchdienst ist eine amerikanische Firma, mit einer Seite in vielen Sprachen dieser Welt, unter anderen natürlich auch der deutschen Sprache. Wenn nun jemand in Deutschland das Wort „Glatze“ eingibt, durchsucht der Server im fernen Amerika unter Zuhilfenahme bestimmter Algorithmen den Gesamtbestand nach Bildern, die schütteres Haupthaar andeuten. Im amerikanischen lautet das Wort für Glatze „Bald Head“, der Nationalvogel der USA ist der Weißkopfseeadler, ins Original übersetzt der „Bald Eagle!“

Moderne Zeiten 1 Juni 2019_00000

Daher waren die Algorithmen wohl der Meinung mir nur eine spärliche Auswahl an Glatzen zu offerieren, dafür aber umso mehr dieser Abbildungen dieser großartigen Greifvögel.

Man bot mir einen kleinen Gutschein als Entschädigung für durchlittene Mühen an, und ich wusste fortan was denn Algorithmen den ganzen Tag über so tun.

Am darauf folgenden Tag wollte ich sehen, ob ich noch weitere versteckte Datenstrukturen selbstständig entdecken konnte, und durchstöberte unsere Medienlandschaft nach Nachrichten, die vor allem ältere Herrschaften betreffen.

Die kommende Hitzewelle in den nächsten Tagen scheint zur Zeit ein ergiebiges Thema zu sein, und so klickte ich einen Beitrag an, der die Warnung eines Mediziners veröffentlichte, die alte Menschen dazu aufrief, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um nicht zu dehydrieren, und später wie ein ausgetrockneter Käfer verendet auf dem Wohnzimmerteppich herumzumüffeln.

Unmittelbar nach Verlassen dieser Warnung tauchte auf anderen Seiten, egal wo auf diesem Planeten, ein Werbefenster für einen Treppenlift auf, oder auch für eine Art Rheumasalbe, mit denen ältere grauhaarige Damen ihre Knie einreiben sollen, damit der kurzschnäuzige Hund Gelegenheit bekommt, seine Exkremente bei 33 Grad im Schatten auf dem heißen Beton platzieren kann.

Moderne Zeiten 2 Juni 2019_00000

Nachdem ich mir ob dieser Erkenntnisse nicht sicher war, löschte ich meine Browsereinträge, und begann das Spiel noch einmal von vorne, mit fast identischen Ergebnis, außer dass der Salbenspot jetzt durch ein Werbebanner für eine Tablette zur Unterdrückung des Harndranges zum ungelegenem Zeitpunkt bei Männern mit leichten bis mittleren Prostatabeschwerden abgelöst wurde.

Donnerwetter, muss ich sagen, bin ich doch ein totaler Freund des technischen Fortschrittes!

2 Gedanken zu “Moderne Zeiten?!

  1. Ja, das dürfte die „Tücke des Objektes” recht gut beschreiben. Algorithmen werden nicht an dem geeicht, was die Vielfalt individueller Menschen ausmacht, sondern an dem, was Profit zu erzeugen verspricht (= folge der Spur des Geldes…).

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    1. Für die Frau von Welt, für die Frau mit dem neuen digitalen Bewusstsein, gibt es jetzt auch Zyklus- Apps, die ihr sagen, wann sie es tun darf, oder eben auch nicht!

      Weitere Infos dazu gibt es aktuell bei Zeit- Online unter dem Titel:“Soll uns ein Algorithmus sagen, wann wir Sex haben dürfen?

      Gefällt 1 Person

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