Wrumm, brumm macht der Stromer!

Da ich scheinbar ein paar wichtige Leute kenne, oder weil mir das Losglück hold war, hat man mir jetzt überraschenderweise angeboten, ein Elektroauto für eine ganze Woche einem kleinen Test zu unterziehen.

Als ich einwarf, kein wirklicher Fachmann für automobile Technik zu sein, fand man das genau richtig, denn man wollte Urteile von Laien, die das Handling mit dem neuen Autotypen beschreiben, und keine weitere detaillierte Darstellung von Personen aus dem professionellen Umfeld.

Man habe einige Leute zur kostenlosen Probewoche ausgewählt, und vor ein paar Tagen war es dann soweit, in einem prächtigen Verkaufspavillon mit viel Glas, wurden wir in einem mehrstündigen Seminar in die Nutzung eines elektrisch betriebenen Kraftfahrzeuges eingewiesen, jeder musste auch ein paar Runden mit einem Werkstattmeister auf dem Beifahrersitz auf dem Hof drehen.

Faszinierend natürlich die Beschleunigung des Autos praktisch aus dem Nichts. Kein Motorengeheul, kein Aufbau von Drehmoment,kein Geschabe im Antriebsstrang, einfach nur losrollen, mühelos und fast lautlos.

Interessant ist auch, dass die tragende Karosserie sich eher in Inneren des Autos befindet, und die sichtbaren Teile wie Kotflügel oder Seitenschürzen einfach nur aufgesteckt werden.

Nachdem ich nach Aussage des Fachmanns gut mit dem Auto zurechtkam, wurde mir dann der Überlassungsvertrag zur Unterzeichnung mit den üblichen Modalitäten vorgelegt. Zum Beispiel wurde mir untersagt mit dem Wagen nach Polen oder Marokko zu fahren, auch Waldwege oder Bunderwehrübungsplätze durften nicht befahren werden.

Man übergab mir die Schlüssel und die Fahrzeugpapiere, unmittelbar danach führte mich der Niederlassungsleiter in einem Raum, in dem ein kurzes Video vorgeführt wurde, das eine wirkliche Besonderheit des Fahrens mit einem E-Auto wiedergab.

Die fast lautlose Fortbewegung, bei innerstädtischem Verkehr eigentlich nur aus den Abrollgeräuschen der schmalen Energiesparreifen bestehend, stellt unter Umständen für andere Verkehrsteilnehmer eine außerordentliche Gefahr dar.

Zumal in Berlin viele Menschen ein bereits hohes Alter erreicht hätten, und an multiplen Unpässlichkeiten, wie Schwerhörigkeit, eingeschränktem Sehvermögen, verzögerter Reaktionszeit, oder ausgeprägter Kleinhundehaltung litten.

Daher sei es Vorschrift, auch für uns Testfahrer, während des Betriebes im öffentlichen Raum, über das eingebaute Soundsystem mit Mikrofon und nach außen schallenden Lautsprechern, mit dem Mund Fahrgeräusche und Interpretationen von Verbrennungsvorgängen moderner Benzin- oder Dieselmotoren, so realistisch wie möglich,  nachzuahmen.

In dem Augenblick als ich begann, meine Stirn in Falten zu legen, um meinen Unmut über diese vermeintliche Eselei zu bekunden, begann der Werkstattmeister, der noch vor geraumer Zeit neben mir im Auto Platz genommen hatte, die Position und das Aussehen seiner Lippen zu verändern, und ich vernahm ein Lautgeflecht wie etwa:“ Öhmmmmm, öhmmmmm, wrummm, brummm“, aus seinem Munde.

Wir wurden angewiesen, möglichst realistische Tonkulissen zu produzieren, die der allgemeinen Fahrsituation, und dem Lastzustand des Autos entsprachen.

Stromer 1 Mai 2019_00000

Zur Übung in den heimischen vier Wänden überreichte man uns eine CD mit fünfundvierzig verschiedenen Fahrgeräuschen bekannter deutscher Fahrzeugmarken, und fünf Bonusgeräuschen alter LKW- Lastkraftwagen, wobei das Fahrgeräusch Nummer 47: „Büssing 8000 S13 Baujahr 1960 mit 180 Pferdestärken, und zweiachsigen Anhänger, beim Verlassen der Autobahn“, mein absolutes Lieblings- Klangmotiv abbildet.

Nachdem ich mich abschließend mit einem wenig realistischem wrumm, brumm, knatter, quietsch von Hof der Leihgebers verabschiedet hatte, sitze ich jetzt bei fast schon hochsommerlichen Temperaturen auf dem Balkon und versuche mich an der Geräuschssequenz 24: „Anfahren am Berg mit Vierzylindermotor, zwei obenliegenden Nockenwellen und vier Ventiltechnik!“

Meine armen Nachbarn, aber für den Fortschritt muss man eben manchmal Opfer bringen!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s