Peinlich, peinlich!

Wieder einmal, wie schon seit Jahrzehnten, führte mich ein langgezogener Spaziergang rund um den Berliner Grunewaldsee, ein einfach nicht wegzudenkendes Ritual.

Und als krönenden Abschluss der Wanderung gab es ebenfalls wie immer einen leckeren warmen Kakao und eine heiße Kirschtasche in der Pappverpackung im direkt neben dem Waldeingang gelegenen Burgerbrater mit amerikanischen Wurzeln, dort wo man es einfach lieben muss.

Und ebenfalls wie immer genossen wir diese vorzügliche Speise im Außenbereich, in direkter Nähe zu einem kleinen Spielplatz, unter ein paar Schirmen auf groben Holzsitzbänken.

Durch das schöne Wetter angezogen, verweilte unmittelbar neben uns eine Familie mit zwei kleineren Mädchen, vielleicht um die drei Jahre alt oder so.Sie hatten sich für ein Happy Meal mit Pommes entschieden, das jüngere Kind hielt eine kleine Figur in Form einer Nachahmung einer Meerjungfrau mit außerordentlich langem Haupthaar in der Hand.

Alles war cool, entspannt und ausgeglichen, als sich plötzlich ein kleiner Mann mit erstaunlich kurzen und dicken Beinen auf die Sitzbank gegenüber quälte. Er musste schon mächtig Schwung holen, um in einen Durchgang auf die Sitzfläche zu gelangen.

Die beiden kleinen Kinder schienen wie vom Blitz getroffen, eingefroren in diesem Moment der ansonsten schnell dahin rinnenden Zeit, unbeweglich starrten sie in Richtung des kleinen Mannes, dem jüngeren Kind fiel langsam aber sicher ein einzelner Pommesabschnitt aus dem Mund.

Ich wusste sofort, dass jetzt sekündlich ein Ereignis von besonderer Peinlichkeit eintreten würde, nämlich die Frage eines der beiden Kinder an die Eltern, warum der Mann denn so klein sei?“

 

Scham 1 April 2019_00000

„Mama, warum ist der Mann denn so klein?“ fragte die ältere der beiden Töchter laut und deutlich, einen guten Meter vom kleinen Mann entfernt..

An diesem Punkt möchte ich mit der Live-Berichterstattung abbrechen und fragen, wie man sich heutzutage in einem solchen Fall verhalten soll, was man am Besten sagt, und welche Wortwahl politisch zur Zeit als korrekt erscheint?

Was soll man seinem Kind antworten? Vielleicht so etwas wie ,“es gibt Zwerge und Riesen, wie im Märchen, und dieser Mann ist ein Zwerg!“ oder auch, “ vielleicht hat er ja bei einer Verfilmung von Gullivers Reisen von Jonathan Swift mitgewirkt!“

In diesem Augenblick könnte aber eine pensionierte Studienrätin, die sich ausschließlich mit den Lebensumständen und den Schicksalen von der Schwerkraft stark beeinträchtigten Menschen befasst, vorbei stolzieren, und angesichts dieser Worte einen Tobsuchtsanfall erleiden, und mit vielschichtigen Klagen vor der Jurisprudenz aufgrund erheblicher Diskriminierung kleiner Menschen drohen.

Es könnte aber auch eine siebzehnjährige „Wuchs-Aktivistin“ mit aufnahmebereitem Smartphone vorbeilaufen, und einen Shitstorm in den Sozialen Medien androhen, mit besonders vielen Followern.

Ja ,da haben wir den Salat, in dieser Situation würde ich vermutlich den Kopf senken, um so zu tun als ob ich von dieser Angelegenheit nichts mitbekommen hätte, eventuell würde sich mein Teint vor Scham leicht röten, auf jeden Fall hätte ich aber damit zu tun, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

Ganz am Anfang meines damaligen USA- Aufenthaltes gab es im gegenüber von Manhattan liegenden Brooklyn ein paar Bars und Kneipen, oder auch Musiklokale, in denen Zwergenweitwurf für eine Handvoll Dollar auf der Liste der Lustbarkeiten stand. Dwarf- oder Migdet- tossing war ganz selbstverständlich, so wie eine Runde Billard oder ein Spiel am Flipperkasten.

Die kleinwüchsigen Akteure schienen auch nicht übermäßig unglücklich, in ihren Pausen suchten sie den Kontakt zu den Gästen, und erzählten, das dies eine mehr als gute Einnahmesituation darstellt, die der übrige Arbeitsmarkt für Kleinwüchsige nicht unbedingt bereithalte.

Ich selber habe nie einen Zwerg an die Klettwand geworfen, dies überließ ich gern den Bodybuildern, den Elitesoldaten, den Riesen, die die körperlichen Voraussetzungen mitbrachten, den Kleinen über erstaunlich weite Distanzen zu befördern.

Heute sind wir natürlich über solche Missstände erhaben, denken uns für die von der Norm abweichenden Persönlichkeiten verschleiernde Namen und Eigenschaften aus, wie fröhlich, bunt und lustig, um die Konfrontation mit dem vielleicht Unvollkommenen zu verdrängen und abzuschwächen, nennen Versuche der Begegnung Inklusion, und vergessen dabei, dass der Kleinwüchsige immer noch genau die gleichen Defizite bei der Größenausbildung hat, wie eh und je!

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