Was ist Mut?

In den letzten Tagen verspürte ich eine stetig ansteigende Lust, den längsten Beitrag überhaupt hier bei WordPress zu schreiben, der je von mir veröffentlicht wurde! Ellenlang soll er werden, dazu muss ich mich aber eines Tricks bedienen, und auch verschiedene Themen, die eigentlich nicht direkt im Zusammenhang stehen, miteinander verknüpfen.

Am Mittwoch dieser Woche, dem letzten Tag im Oktober, also am Reformationstag, oder auch neudeutsch an Halloween, haben wir uns in illusterer Runde bei einer meiner besten Freunde getroffen, bei eben dieser Dame, die ich bereits im meinem Beitrag „Alltag mit Entsafter“ erwähnte. Sie wohnt in einer großzügigen Altbauwohnung in Berlin Schöneberg, mit viel Platz für eine ausgiebige Plauderei unter Gleichgesinnten, mit üppigen Buffet, welches kleine und große Gaumenfreuden bereithielt.

Auf solchen Treffen begegnet man Leuten, die man schon lange nicht mehr gesehen hat,man tratscht über alle möglichen Themen, erinnert sich an früher, klammert aber auch aktuelle Themen nicht aus.

Während einer dieser Gesprächsrunden ging es auch um die Frage was eigentlich Mut ist, oder was es bedeutet mutig zu sein. Im Rahmen unserer ausschweifenden Diskussion wurden viele Aspekte berücksichtigt, immer mehr brachten ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen mit ein, berichteten von Erlebnissen zu diesem Begriff, unserer Diskussionsgrundlage.

Ich hätte nicht gedacht,wie vielfältig so etwas sein kann, und vor allem, wie unterschiedlich das Wort Mut mit all seinen Facetten und Nuancen bewertet wird.

Für den einen ist ein Sprung im Schwimmbad vom Zehnmeterturm eine überwältigende Herausforderung, die eine ganz besondere Portion an Mut erfordert, für den anderen eine Passage durch einen Stadtpark nach eingebrochener Dunkelheit. Erfordert es ein gerüttelt Maß an Courage, einem verletzten Unfallopfer zu helfen, soll man Mut beweisen, wenn sich mehrere Ganoven mit Gewalteinsatz an einem hilflosen Opfer zu schaffen machen? All dies und noch viel mehr schwirrte als lose Gedankenfolge durch die Reihe der Diskutierenden.

Ich selber konnte zu diesem Thema vorerst keine eigenen Erfahrungen oder Schilderungen einbringen, dies lag vor allem daran, dass wann immer sich die Gelegenheit dazu ergeben hätte, ich ein kleines Gürkchen, eine selbstgemachte Boulette oder gar einen Teil eines leckeren Lebkuchensterns im Mund hatte, und spontan nicht einsatzbereit war.

Dennoch bot sich nur ein wenig später für mich die Gelegenheit, ebenfalls einen substantiellen Beitrag zu leisten. Aufgrund meines mehr als ausgeprägtem Intellekts,meines  Werdegangs mit Deutsch- Leistungskurs auf dem Gymnasium und anschließendem Germanistikstudium mit Magisterabschluss, zog ich es vor, ein meiner Intelligenz angemessenes adäquates Beispiel aus dem Bereich der Literatur einzubringen, und zwar die wunderbare Kurzgeschichte von Martin Walser über den Mut, den der Sparkassenräuber benötigt, um auf blankem Steinfußboden in die taghelle Schalterhalle einzudringen. Meine doch recht langatmige Inhaltsangabe wurde jedoch zunehmend durch verstärktes Klingeln an der Haus- oder Wohnungstüre beeinträchtigt.

Die Freude darüber war allerdings groß, den nach jedem Klingeln überraschte uns eine Gruppe Kinder mit ihrem Begehren, Süßwaren aller Art zu erhaschen. Dazu hatten sie sich, zumindest teilweise, ein wenig verkleidet,kleine Hexen mit schwarzem Zahn forderten ihren Tribut, oder ein eher fahl erscheinender Geist mit richtiger Zahnlücke bat vornehm um eine kleine Gabe, die Eltern charmant lächelnd im Hintergrund .

 

Mut 2 Nov 2018_00000

Die Majorität der Besucher jedoch war nicht unbedingt verkleidet, forderten aber trotzdem ihren Anteil an der gern gegebenen „Zwangsabgabe“ anlässlich dieses relativ neuen Festes in unserem Breitengraden an diesem Tage.

Vor uns standen ganze Gruppen von zirka vierzehn- bis sechszehnjährigen Kleinkindern, die von ihren zahlreichen Brüdern und Cousins begleitet und abgesichert, ihre Runden durch die Berliner Häuserzeilen machten, und ihre „Beute“ in schlichten Lidl-Tüten davontrugen. Manche hatten sich aber doch, entgegen der ersten Einschätzung, ein bisschen verkleidet, erinnerten aber eher an einen Sparkassenräuber beim Betreten der Schalterhalle.

Ich hatte nicht gewusst, dass sich dieser uralte keltische Brauch schon bis in die Levante verbreitet hat, und beobachtete voller Freude dieses völkerverbindende Treiben am letzten Oktobertag, direkt vor meiner Nase.

„Hast du Schoklade, gib mich?“, war nur eine der lustigen Ansprachen, die mich im Nu dazu überredeten,ein Handvoll nach der anderen an unterschiedlichsten Süßigkeiten zu verteilen, bevor sie ohne eine einzige Geste des Dankes im Treppenhaus verschwanden,auf der Suche nach neuen „Opfern!“ Das war schon aufregend und kulturell bereichernd.

So gegen einundzwanzig Uhr ließ das Treiben der Spukgestalten dann schlagartig nach, und wir konnten uns nach einer kurzen Stärkung am Buffet wieder unseren Gesprächsthemen widmen.

Zu vorrückender Stunde wurde ich dann doch noch gedrängt, einen Schwank aus meinem Leben zum Thema Mut kund zu tun, und nach einer Zeit des Überlegens, legte ich dann los.

An dieser Stelle greife ich jetzt zu dem ganz am Anfang angedeuteten List, und veröffentliche einen selbst durchlebten Erfahrungsbericht, den ich hier oder an anderer Stelle schon einmal ins Netz gestellt hatte, ein Reupload also, eine Novität für mich. Damit müsste der von mir angestrebte „Längenrekord“ locker erreicht werden, was ja Ziel dieser Veröffentlichung ist!

Die nun folgende Schilderung eines wahren Ereignisses habe ich bislang noch niemanden erzählt, da mich die damaligen Vorkommnisse zutiefst schockiert hatten, ja sogar multiple Traumen oder Traumata auslösten. Sie entstanden aus gruppendynamischen Zwängen heraus, ließen starke psychische Erschütterungen entstehen, die mich bis zum heutigen Tage verfolgen, und tief in meinem Unterbewusstsein verankert sind.

Es ist kalt, ich sehe meinen Atem aufsteigen, mich fröstelt.Ich stehe in einem kleinen Kabuff, umgeben von hohen Stahlgittern,auf Stroh gebettet. Ich bin aber nicht allein, direkt neben mir steht ein weiteres Geschöpf dieser Erde, vermutlich 600 Kilo schwer,verteilt auf einen massigen Körper, getragen von vier Beinen!

„Warum dauert es denn bei dir schon wieder so lange?“ tönt eine wenig angenehme Stimme aus dem zentral gelegenen Gang zu mir herüber! „Ein wenig Beeilung bitte,sei nicht wieder der Letzte!“

Ja ja, immer das gleiche, ich bemühe mich nach Leibeskräften, habe dem ungeheuerlich großen Getier schon eine für mich passende Sitzgelegenheit übergestreift und auch im vorderen Teil des Tieres, da wo der Kopf sitzt, einen entsprechenden Haltegriff angebracht

Ich selber bin ebenfalls präpariert, meinen Kopf ziert ein schirmmützenartiger Helm der Marke Horka, Modell P7,ich trage ein braunes hautenges Beinkleid mit Kordrippeln und meine Füße stecken in Billig-Gummistiefeln, die einen Geruch verströmen, der mit Sicherheit auf der Liste der bedenklichen Stoffe, nach den Regeln der Genfer Konfession, eine Top-Platzierung einnimmt.

„Jetzt aber hurtig„,fährt mich die gleiche Stimme an, und der Horror beginnt wieder von Neuem.Ganz alleine muss ich das riesige Geschöpf nur an einem dünnen Lederband fixiert, aus der Aufenthaltskabine über eine sehr langen Gang führen, nur um dann irgendwann nach rechts in eine große Halle abzubiegen, die in den nächsten 90 Minuten oder so mein Domizil darstellen wird.Die Richtung ändern, ohne zu wissen was sich um die Ecke befindet ist für meinen heutigen Trainingspartner scheinbar ein Problem. Deutlich hörbar richten sich die Ohren steil nach vorne auf, um eventuelle Geräuschquellen wie mit einem Trichter einzusaugen, und sich auf eine spontane Flucht einzustellen. Zentimeter nur von meinen Füßen entfernt, vollkommen schutzlos von wenig wertigen weichen Gummistiefeln umhüllt, in denen sich langsam aber sicher eine widerliche Emulsion zu bilden schien, dröhnen und hämmern die mächtigen, mit extra starken Eisen bewehrten, Beinenden im Stakkato auf den Betonboden.Nach leichtem Zögern erreichen wir dann eine riesige Halle, deren Boden komplett mit relativ weicher Erde bedeckt ist.

Es ist kalt,ich sehe meinen hastigen Atem aufsteigen, mich fröstelt.“Na, da ist er ja endlich!Hat der feine Herr endlich Zeit gefunden, uns mit seiner Anwesenheit zu beglücken“, höhnt es aus der Mitte der Halle. Die anderen lächeln verschmitzt, wie ich aus den Augenwinkeln bemerken muss.Da ich die Halle als Letzter der Gruppe betreten habe, muss ich jetzt den weitesten Weg zurücklegen, um mich an passender Stelle einzuordnen.“Eine Linie“, brüllt der dünne Mann, der in der Hierarchie momentan über mir zu stehen scheint, und daher scheinbar auch das Privileg besitzt, tierlos in der Halle zu erscheinen.

Die mentale Belastung, die von außen auf mich einwirkt, lässt nicht nach, im Gegenteil, der Druck nimmt zu.Weit,weit muss ich über meinen Schatten springen, mich überwinden, und versuchen sämtliche Ängste zu verdrängen,denn jetzt muss ich direkt neben dem unglaublich voluminösen Tier meine Sitzgelegenheit in die endgültige Position bringen, und die dafür notwendigen Gurte straff an den Leib meines vierbeinigen Temporärpartners legen.

Mut 4 Nov 2018_00000

Das Tier scheint diese Prozedur zu kennen und dreht den Kopf zu mir nach hinten.“Kopf nach vorn“ schallt es sogleich durch das weitläufige Bauwerk. Wenn immer ich den Gurt in die Hand nehme, die vor Kälte kaum noch Gefühl zeigt,um ihm anschließend zwei oder drei Löcher enger zu schnallen, nimmt das Tier einen tiefen Atemzug, bläht den ohnehin schon gewaltigen Leib noch ein bisschen mehr und verharrt scheinbar mühelos in dieser Position. Hab ich den Gurt dann in seine vermeintliche Endposition gebracht und bringe meinen vom Gummistiefel ummantelten Fuß auch nur in die Nähe der Aufstieghilfe, entfährt dem Tier ein sanfter kaum hörbarer Luftstrom, der Körperumfang reduziert sich und meine Sitzgelegenheit ist wieder genauso locker wie vorher.

Bei diesem Vorgang des Aufsteigens im Stand, den ich nun wiederholen muss, gilt es vor allem, nicht die Aufmerksamkeit des dünnen Mannes mit Leitfunktion zu erregen, aber zu spät, schon eilt er heran, und zieht den Gurt mit einer einzigen wuchtigen Bewegung aus sehr dünnem Arm in der richtigen Position fest.“Nun aber keine weiteren Faxen mehr“, vernehmen meine Ohren,und auch das Gelächter der anderen Teilnehmer entgeht mir nicht.

Es ist kalt,ich sehe meinen Atem jetzt ohne Pause aufsteigen, mich fröstelt, zeitgleich eine erste Schweißperle langsam vom Hals über den Nacken in den Pullover rinnt.Jetzt muss ich rauf auf das Tier, der Rücken will eingenommen werden.Mit kältegepeinigtem Körper und klammen Fingern, eingeschnürt in eine hautenge Hose mit Rippeln aus Kord muss es mir jetzt gelingen,einem Gummistiefel mit dem richtigen Fuß in die zirka ein Meter über dem Boden befindlichen Steigbügel zu platzieren, um mich dann mit einem irrsinnigen Kraftaufwand auf den riesigen Körper zu hieven und das andere Bein über den verlängerten schweifbewehrten Rücken des mir zugeteilten Partners zu werfen. Das funktioniert manchmal, aber nicht immer,vor allem dann nicht, wenn das Tier im entscheidenden Moment ein oder zwei Schritte nach vorne macht, und ich auf einem Bein in denkbar ungünstiger Körperhaltung hinterher hüpfen muss.

„In einer Linie bleiben“, schallt es sofort wieder durch den großen Raum, und wieder muss ich ein murmelndes Gelächter vernehmen.Irgendwann sitze ich dann aber doch hoch droben und es kann losgehen!

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit den Triumph des gelungenen Aufstiegs zu zelebrieren, den Erfolg der Einnahme der richtigen Ausgangsstellung zu feiern, aber nein, man gönnt mir nicht eine Sekunde der Entspannung. Der gesamte Tross soll sich jetzt auf Anweisung des dünnen Mannes in Bewegung setzten, im Schritt und der Reihe nach. Da ich mich, wie schon beschrieben, an letzter Stelle der Formation befand, sollte ich mich natürlich auch als letzter aus der Standposition lösen und den anderen im Schritt folgen.

Natürlich haben Sie zwischenzeitlich schon mitbekommen, dass ich mich jetzt auf einen Mitglied der Familie der Equidae, einem gemeinen Einhufer befinde. Laien und Amateure, die nicht so vertraut mit diesem Lebewesen sind, neigen auch dazu, die Bezeichnung „Pferd“ vorzuziehen.

Mut 3 Nov 2018_00000

Das Pferd, ein ursprüngliches Herdentier ist von seiner Genetik her ein sogenanntes Fluchttier, das ständig seine Umgebung sondiert, um eventuelle potenzielle Feinde zu erkennen, und sich diesen durch eine rasche Flucht zu entziehen.In den vergangenen Jahrtausenden hat so ziemlich jedes Raubtier im Pferd eine Lieblingsnahrung gesehen, und es entsprechend verfolgt.Auch der super lange Zeitraum der Domestizierung konnte die wesentlichen Charaktereigenschaften des großen Tieres nicht verdrängen oder aufheben. Der Drang zur Flucht, das blitzschnelle Verfallen in Panik steckt immer noch tief in den Genen, und macht es dem Eleven in der Reitschule nicht gerade leicht.

In der Reithalle beobachtete mein tierischer Partner daher auch ziemlich genau, was in seiner Umgebung abgeht. Die ersten Tiere in der Reihe setzen sich gemächlich in Bewegung, und folgen dem Führungspferd, als auch den leise gesprochenen Anweisungen des dünnen Mannes, gehorsam auf dem Weg zur Bande, der Außenbegrenzung des Platzes in der Halle. Mein „Partner“ fühlte sich scheinbar durch mein Trödeln benachteiligt, und liebäugelte damit, sofort einen Spitzenplatz einnehmen, um vermeintlichen Unbill zu entgehen.Da bedarf es natürlich des beherzten Einsatzes des Reiters, dem zwischenzeitlich auch noch eine kurze Gerte als Hilfsmittel gereicht wurde, auch um solche Zwischenfälle, wie das Auflösen der gewünschten Ordnung im Verband,zu korrigieren.

Weit gefehlt, das Pferd schoss unter Einsatz seiner gesamten Körperlichkeit in Richtung der Spitze unserer Reitgruppe, in einer Gangart, die ich nicht als Schritt bezeichnen würde.Das überraschende wuchtige Bewegungsprofil des Tieres ließ mich augenblicklich jegliche Übersicht und Contenance verlieren.Ein Stiefel verlor sofort den Kontakt zum Steigbügel, der andere Fuß drohte zu weit in den Bügel zu rutschen.Mein Gesäß und direkt angrenzende Körperteile wurden sehr unrhythmischen harten Schlägen von unten kommend ausgesetzt, die enge Hose zwickte, und schnürte den in der Aufregung sich blähenden Leib ein,der ebenfalls zu eng anliegende Halteriemen der beschirmten Reiterkappe ließ meinen erschrockenen Gesichtsausdruck wenig vorteilhaft erscheinen.Nach einer gefühlten Sekunde ordnete sich mein Pferd zwischen dem ersten und zweiten Pferd ein, und löste mehr als eine leichte Unruhe bei allen anderen Teilnehmern aus,während ich vollkommen überfordert versuchte, mein Schwanken, mein Abweichen von der Ideallinie auszutarieren.

„Parade,Parade, nimm die Gerte, setz dich doch endlich mal durch,wir sind hier doch nicht im Kindergarten“, drang es überlaut an mein Ohr.Der dünne Mann, unser Reitlehrer hatte jetzt wohl den Geduldsfaden verloren.“Immer das Gleiche mit dir, du bringst die ganze Gruppe durcheinander.“

Was jetzt auf den außenstehenden Betrachter auf den ersten Blick ein wenig harsch oder gar unverschämt klingt, war in Wirklichkeit Teil eines Spieles, das sich im Laufe der Zeit entwickelt hatte,in dem ich die Rolle des Toren, des Hofnarren übernahm. Natürlich unfreiwillig, den Clown, den Spaßmacher heraushängen lassen war Teil meiner Strategie geworden, mit dem Fron, mit der Angst vor dieser Art der Betätigung umzugehen.Der laute Wortwitz, auch wenn er diskriminierend klang, half mir dabei mich abzulenken, von der enormen inneren Anspannung, die meinen Kopf in jedem Moment zu einhundert Prozent ausfüllte.

Nach einer kurzen Phase der Beruhigung ging es denn auch wirklich los, und die Reitstunde nahm seinen üblichen Verlauf. Zuerst, wie schon gesagt ein paar Runden im Schritt, dann etwas schneller im Trab(für einen Mann, der nicht reiten kann, ist diese Gangart ein Martyrium) und auch wenige Runden im langsamen Galopp. Zwischendurch wurden an einen Hallenende auch Kreise geritten, bei dieser Übung scherte mein Pferd oft unmerklich nach Innen aus, um den Bewegungsaufwand und Kalorienverlust für sich zu verringern, schließlich mussten die zur Verfügung stehenden Ressourcen schonend behandelt werden. Gleichmäßigen Abstand zum Vorderpferd halten war für mich auch ein fast nicht zu lösendes Problem. „Nicht so schnell, oder fleißiger oder eifriger“ hieß es dann aus zu erwartender Quelle! Entspannen konnte ich aber während der gesamten Zeit eigentlich nie! Wie auf einen Fass mit Nitroglycerin saß ich, und versuchte mögliches Unheil schon im Voraus zu erahnen!Ein anderer Reiter könnte einer Spontantrennung anheim fallen und stürzen,ein anderes Pferd mit einem Huf irgendwo gegen die hölzerne Bande knallen oder deutlich vernehmbar ein paar Kubikmeter körpereigener Gase entweichen lassen,was oft eine ernährungsbedingte Ursache hat, sich aber störend auf den Gleichlauf meines Pferdes auswirkt.

Aber irgendwann neigte sich auch die heutige Tortur dem Ende entgegen, es ertönte der Schlusspfiff des dünnen Mannes, gleichzeitig das Zeichen zur finalen Aufstellung, wieder eine Reihe in der Mitte der Halle zu bilden.Mein Pferd eilte sofort nach Ertönen in die gewünschte Position, ohne Rücksicht auf den geschundenen Reiter auf seinem Rücken zu nehmen.

Nach ein paar Abschlussworten an die Runde, die oft auch ein Lob für den einen oder anderen Teilnehmer der Reitrunde enthielt, mich aber kategorisch ausschloss, entließ er uns mit einer für mich gnadenvollen Handbewegung.

Was für eine Freude, was für eine Erleichterung, blitzschnell sauste ich von Sattel herunter und stand wieder auf eigenen Füßen, umhüllt vom inzwischen ziemlich nassen Inneren meiner Gummistiefel, auf sicherem Territorium!Meistens kam dann ein junges Mädchen herbei gestürmt, um sich voller Freude meinem Reitpartner anzunehmen. Winzige juvenile Menschen ohne jegliche Scheu vor großem Getier!

Ich hingegen atmete tief durch und machte mich auf den langen Weg durch die Halle, durch die Stallboxengasse, hinaus an die kalte frische Luft, auf dem Weg zum Kasino.Meine Gummistiefel quietschten laut und vernehmlich im eigenen Saft.

„Na,biste  nich runtergefallen?“,begrüßte mich freudestrahlend der Betreiber der Reiterklause, und kredenzte mir sogleich einen dampfend heißen Schokoladentrunk, meine Variante des beliebten „Bügeltrunks“,wie immer exklusiv für mich spendiert vom dünnen Mann, als Anerkennung für meinen unfassbaren Mut, der durchaus mit der Courage des Räubers beim Eintritt in die Bank vergleichbar ist!

Mit dem Ende dieses ausufernden und schier endlosen Erlebnisberichtes ging auch ein langer Abend ging zu Ende, manche waren auch schon während meiner Erzählung in einen sanften Schlafzustand hinüber gewechselt, aber das war völlig egal, Spaß hat es trotzdem gemacht, Leute nach einer Zeit der Abstinenz  wiederzusehen und sich auszutauschen.

Am nächsten Morgen konnte man den Medien entnehmen, dass genau in dieser Gegend Autos, Radfahrer und andere Verkehrsteilnehmer  mit Feuerwerkskörpern und Eiern beworfen wurden, von größeren Gruppen von Menschen, wie es jetzt ja immer heißt. Naja, es wurde ja niemand dabei verletzt, viel wichtiger ist doch der Aspekt der Völkerverständigung, da gibt es natürlich immer ein paar Rückschläge und Anpassungsschwierigkeiten. Unsere Freude am gemeinsamen Erleben an diesen vergangenen letzten Oktobertag sollte aber in keinster Weise getrübt werden. Um dies zu verstehen, und die Zusammenhänge zu erkennen, bedarf es vielleicht auch des Mutes eines Sparkassenräubers beim Betreten der taghellen Schalterhalle!

 

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