Alltag mit Entsafter

Eigentlich wollte ich heute überhaupt nichts schreiben, sondern an diesem dunklen und windigen Tag einfach nur ein wenig relaxen, und vielleicht ein gutes Dutzend Lebkuchenherzen verspeisen, die ich ja während meines Amerika- Aufenthaltes so schmerzlich vermisst hatte.

Der Tag fing auch recht gemütlich an, dann aber überschlugen sich die Ereignisse, ich musste viel reden, Überzeugungsarbeit leisten und mich ideologisch angehaucht echauffieren.

Ausgangspunkt für diese Malaise waren die Österreicher, erdreisteten sie sich doch, in wissenschaftlicher Analyse mit vielen Konjunktiven zu behaupten, dass ich, wenn ich ein großes Geschäft verrichte, auch viele winzige Plastikteile mit ausschei(d)e.

Alltag mit Entsafter 2 Oktober 2018_00000

Dies hatten sie wohl akribisch untersucht,also nicht direkt bei mir, sondern bei einer Auswahl von Probanden, die die verschiedensten Kunststoffprodukte während einer genau kontrollierten Testreihe verspeist hatten..

Nachdem ich eine erste Diskussion mit meiner Partnerin über dieses strittige Thema für mich erfolgreich gestalten konnte, in dem ich sie wegen Uneinsichtigkeit einfach aus meiner Wohnung verwies, ging die verbale Auseinandersetzung am Nachmittag dann im Rahmen eines Besuches bei einer esoterisch angehauchten, gut situierten Freundin weiter.

Sie hat bereits das vierzigste Lebensjahr überschritten und kann sämtliche Attribute dieser Lebensphase vorzeigen. Ein kleiner hechelnder Hund mit Glupschaugen und Stummelnase, Schäden am zelebralen System durch Aufweichung der Hirnmasse,begrüßte mich dauerhaft kläffend, mit heraushängender Zunge und hervorstehenden Zähnen des Unterkiefers.

Natürlich hat sie auch einen überwiegend vegetarischen Ernährungsstil angenommen, geht zweimal die Woche zu einem Yoga- Pilates -Kurs, und leidet wie selbstverständlich an einigen zeitgemäßen Defiziten, wie leichte bipolare Störung, mittlere Glukoseunverträglichkeit, und ausgeprägter Anthophobie. Noch vor ein paar Jahren hatte sie von all den Begriffen noch nie etwas gehört. Deshalb legte ich noch einen kurzen Zwischenstopp im Supermarkt ein, und überreichte ihr freudestrahlend,fast schon galanenhaft, einen Strauß gelbblütiger Moosrosen.

Sie hatte natürlich auch die Presseberichte über die vermeintlichen Forschungsergebnisse unserer südlichen Nachbarn gelesen, entließ ihre Empörung in Form gewaltiger Wortschwälle, fast schon schon tiradenartig, einem Tantrum gleichend.

Schuld daran sind aus ihrer Sicht die Fleischesser,weil alles in Plastik eingepackt werden muss,die Bäume abgeholzt werden, damit die Kühe ausreichend Platz haben, sich ihrer Methangase zu entledigen.

Ich hielt natürlich entgegen, verwies auf den Schönheitswahn, auf die ganzen Schleifmittel in Beautyprodukten, und die winzigen Partikel vom Gummiabrieb aus den riesigen Reifen des SUV´s mit dem Madame die achthundert Meter zum Yoga- Kurs zurückzulegen pflegt!

Das Wortgefecht tobte hin und her, es wurde wild gestikuliert,die Hände am Ende der Arme flogen nur so umher, um die Bedeutung der eigenen Aussagen zu untermauern.

Irgendwann landeten wir dann in der Küche, auf der Arbeitsfläche thronte ein neues Küchengerät.

Alltag mit Entsafter 1 Oktober 2018_00000

„Oh, ein Entsafter“,rief ich, auch um den Druck unseres Gespräches ein wenig zu mindern.

„Nein, ganz und gar nicht“, erwiderte sie, „es handelt sich hier um einen Slow Juicer, einem Gerät zur schonenden Herstellung von Obst- und Gemüsesäften!“

Nein, ein ordinärer Entsafter passe nicht mehr zu ihrem Lebensstil, ein „Juicer“ ist auch mindestens doppelt so teuer wie das Standardgerät mit einem nicht so hippen Namen.

„Außerdem verfüge er über ein „gentle squeezing System“ und „Mikro-Masticating- Technology“ fügte sie zutiefst überzeugt an. „Es lässt sich kinderleicht bedienen, das Reinigen allerdings ist entgegen der Werbung doch schon ganz schön aufwendig und lästig.“

Gerade als ich auf die vielen Kunststoffteile des Küchenhelfers, seinem metallenen Schneid, Raspel- und Quetschwerkes, sowie die Möglichkeit des Abriebs winziger Plastikpartikel hinweisen wollte, und so einen siegreichen und finalen Schlag in unserer vorangegangenen Diskussion austeilen wollte, öffnete sich die Tür des Gästezimmers, und heraus trat ein junger Mann.

Donnerwetter, dachte ich, hat sie sich doch einen jungen Lover geangelt, trotz Hechelhund, Yoga- Getue und Entsafter!

Als der junge Mann sich näherte, entdeckte ich das leicht glänzende Gesicht, und die Stellung des kleinen Fingers an der abgespreizten Hand, erste Zweifel kamen bei mir auf.

„Darf ich vorstellen, das ist Bodog, Student aus Budapest, mein Gast für ein paar Tage, er ist hier, um seinen zukünftigen Mann zu heiraten!“

Bodog liefen die Tränen nur so über das Gesicht, schüchtern grüßte er mich, dann verfiel er in einen krampfartigen Weinanfall.

Soeben hatte er erfahren, dass sein Masterstudiengang in Geschlechterforschung an der staatlichen Eötvös-Lörand-Universität von der ungarischen Regierung verboten wurde. Eine Katastrophe, was sollte er denn jetzt mit seinem Leben anfangen, wie sollte er später seinen Unterhalt bestreiten? Natürlich hat dieser Vorgang auch schon die entsprechende Empörung bei seinen Professorinnen, Dozentinnen und Mitstudentinnen ausgelöst,gern hätte er mit seinem Wissen über Gender und so, die Menschheit voran gebracht. Nun scheint aber erst einmal sein Traum von einem erfüllten Leben zu zerplatzen, wie eine Seifenblase im Geäst eines Akazienbaums.

Selten weiche ich einem hitzigen Wortgefecht aus, aber hier hielt sich doch mein Interesse in Grenzen ,ein leichter Anflug von Verdrossenheit war zu spüren, schnell verabschiedete ich mich, nur um ein wenig später in meiner Wohnung auf meinem Lieblingssessel sitzend, von meiner Partnerin ein rundes Dutzend leckerster Lebkuchensterne kredenzt zu bekommen.Die Lebkuchenherzen hatte ich jedoch schon, abweichend vom Beginn dieses Textes,hastig und komplett verspeist.

So soll ein ereignisreicher und aufregender Tag ausklingen!

 

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