Inkonsequenz!

Durch eine Verkettung von bestimmten Umständen sitze ich an diesem Freitag, einem immer noch sehr warmen Sommertag, im Outdoor-Bereich eines Straßencafés am Roseneck in Berlin-Grunewald.Hier sitze ich aber nicht allein, mir gegenüber hat Frau Dr. Beatrice Sehnenscheid-Lohengrin ihren Platz eingenommen.

Frau Doktor Sehnenscheid-Lohengrin in wenigen Sätzen zu beschreiben, ist nicht ganz einfach.Sie ist ein Tausendsasa, ein „Hansdampf in allen Gassen“, eine extrem umtriebige Geschäftsfrau, die auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen kann.

Neben ihren nicht unattraktivem Äußeren, sie ist schlank und hochgewachsen, besticht Sie vor allem durch ihren wirtschaftlichen Erfolg.In den vergangenen Jahren hat sie zusammen mit ihrem Ehemann, einem ehemaligen Banker, ein ganzes Konglomerat an Firmen aufgebaut, welches sich hauptsächlich mit dem Thema Lifestyle befasst.

Gesunde Ernährung, Tier-und Umweltschutz, Veganismus, Körperbewusstsein sind dominierende Geschäftsfelder, denen Sie ihre volle Aufmerksamkeit schenkt.

Das von ihr geschaffene Firmendickicht umfasst Seminare und Lesungen, Kurse zur Leibesertüchtigung, Kochveranstaltungen in gehobenen Bio-Läden, das Züchten von emotionalen Begleittieren für die stark verunsicherte Dame von Welt, das Durchführen von Yoga- Nackt-Kursen mit indisch aussehenden Kursleitern, obwohl sie in Wirklichkeit aus Bosnien- Herzegowina stammen.

Insgesamt hat sie ein Paket geschnürt, das sehr viele Frauen zwischen 20 und 50 Lebensjahren unbedingt zu benötigen scheinen, sofern sie über das nötige Kleingeld verfügen. Dieses Klientel nimmt Sie gern an die Hand, gibt ihnen Führung und Geleit,versorgt es mit Lebensinhalten, befreit von der ungeheuren Langeweile, die es befallen hat.Alles gegen üppige Bezahlung versteht sich.

Frau Dr. Sehnenscheid-Lohengrin setzt sich aber auch mit Vehemenz ein für ihre Belange, ein Kopfkissen oder eine Bettdecke im sündhaft teuren Luxushotel mit hochwertiger Gänsedaunenfüllung löst einen ungeheuren Entrüstungssturm ihrerseits aus, Sie droht mit Klagen wegen Tierleid und so, jederzeit bereit Heerscharen von gierigen Anwälten einzuschalten, die sich dann wie Nekrophagen auf den Fall stürzen sollen.

Einer Klientin wurde die Beförderung in einem Billigflieger aufgrund der Mitnahme ihres „Emotional Support-Animals“, in diesem Falle ein nicht stubenreiner Goldfasan, verweigert, da hätte man mal Frau Sehnenscheid- Lohengrin in Aktion sehen sollen.

Zurück jedoch an den kleinen Tisch im Café, Frau S-L, wie ich sie jetzt einmal in Kurzform nennen möchte, ist jetzt wieder voll in ihrem Element.Seit zirka zehn Minuten redet Sie pausenlos auf mich ein, ihre Doktrin von einem besseren Leben ausbreitend, scheinbar ohne jemals Luft zwischendurch zu holen.

Ab und zu kann ich ein schnelles „ach“ oder „oh“ einstreuen, um die Konversation nicht ganz so einseitig erscheinen zu lassen, nicht einmal einen kleinen Sipp aus meinen Wasserglas, aus dem die Kohlensäure im zunehmenden Maße entweicht, konnte ich ob des gewaltigen Wortschwalls entnehmen.

Frau S-L ist schon viel weiter, als die meisten ihrer zahlenden Anhängerinnen.Vor jeder Nahrungsaufnahme rechnet sie genau den Belastungsgrad für ein bestimmtes,natürlich veganes Produkt durch,bildet viele Parameter in einer Grafik auf ihrem Tablet ab,welchen Einfluss der Verzehr auf unsere Umwelt hat. So kann es durchaus sinnvoll erscheinen, einen schwabbligen Tofubatzen um die halbe Welt zu schicken, anstatt ein heimisches vergleichbares Produkt zu nutzen, weil die Auswirkungen auf unsere Umwelt eben geringer sind.

Mir schwirrt so langsam der Kopf, ich sinke immer mehr in mich zusammen, sogar mein ansonsten vorstehender Bauch, hat sich schon unter die Tischplatte verkrümelt.

Schon geht es weiter im Monolog, Frau S-L redet jetzt über zukünftige Produkte, die sie in ihre Angebotspalette früher oder später aufnehmen möchte, Kakerlakenmilch für den Nachmittagskaffee und auch Birkenwasser als Energiedrink sind schon in der Pipeline zukünftiger Vermarktung aufgenommen.

Am meisten beschäftigt Sie aber das Problem des stetig zunehmenden Plastikmülls auf diesem Planeten. Insbesondere ist Sie beunruhigt über die sogenannten Nanopartikel, also kleinsten Teilchen aus Kunststoff, mit dem bloßen Auge gar nicht wahrnehmbar.Die Teile findet man in der Zahnpasta und anderen Beauty-Produkten, irgendwann gelangen sie mit unserem Dusch-oder Badewasser in die Flüsse dieser Republik, wo sie Wasserbewohnern die Mägen verkleistern.

Ich bin persönlich am Tiefpunkt angekommen, höre zusammengefaltet ob des konstanten Wortschwalls kaum noch hin, beobachte aber ihre auffallend schönen Hände, wie sie sich gestenreich pausenlos hin und her bewegen, und kaum jemals eine Ruheposition einnehmen. Frau Dr. Sehnenscheid-Lohengrin hat lange schlanke Hände und Finger, sehr gepflegt, von manikürten Nägeln im lackierten Zustand begrenzt.

Inkonsequenz 2 August 2018_00000

In einer kurzen Atempause, die Sie uns scheinbar zu gönnen scheint, fasse ich meinen ganzen Mut zusammen, und verweise auf ihre schönen Hände. Zu meiner Überraschung bedankt Sie sich sogar artig  für das Kompliment, und erklärt, dass die Nägel  nicht echt sind,sondern aus Kunststoff bestehen, die in einem Beautyzentrum aufwendig bearbeitet, und in Form gebracht wurden.

Wie Nick Knatterton in seinen besten Tagen kombiniere ich mir in Sekundenschnelle eine Situation zusammen, wittere Morgenluft, ihr endlich etwas Substantielles entgegenhalten zu können, nehme einen kräftigen Zug vom inzwischen warmen und fast schon schalen Mineralwasser, richte mich auf,mein Bauch schnellt mit einem flappsigen „Flupp“ wieder unter der Tischkante hervor.

„Künstliche Nägel?“als rhetorische Frage formuliert, „aus Kunststoff, die werden geschliffen, gefeilt, glatt gehobelt“, fahre ich fort. „Fallen dabei nicht kleinste und sehr feine Plastikspäne an, die mit Sicherheit nur wenig später in unserem Abwassersystem gelangen?“

Die Gunst der Stunde steigt in mir hoch,langsam stehe ich von meinem Stuhl auf, richte mich zu voller Größe auf, und deute sogar mit meinen Zeigefinger, heftig hin und her wackelnd, direkt auf Frau Dr. Sehnenscheid-Lohengrin.

„Was passiert später mit den ganzen Fischen in unseren Gewässern?Wer denkt an das Schicksal von unzähligen Karpfen,Forellen, Ukeleien und Renken, die mit verkorksten Verdauungsapparaten im Uferbereich vor sich hin dümpeln und nach Luft schnappen?“

Frau Dr. Sehnenscheid-Lohengrin schwieg zum ersten Mal an diesem Tag, verblüfft, ob meiner Aussagen, die Sie scheinbar so spontan nicht widerlegen konnte.

„Das ist verdammt inkonsequent“, sage ich voller Inbrunst, so laut, dass auch die Leute an den Nachbartischen aufschauen, „dies hätte ich von Ihnen persönlich nicht erwartet!“

Mein Triumph erscheint in dieser Sekunde vollkommen,“überlegen Sie bitte die Konsequenzen für unsere Umwelt durch ihr nachlässiges Handeln“, schließe ich mit fast schon überheblicher Selbstsicherheit ab, und erkläre, dass ich mich ab sofort bis Anfang Oktober im Urlaub befinde, und Sie die Zeit zum Nachdenken und zur Neuausrichtung nutzen solle!

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s