Dicht am Abgrund!

Ein Filmtipp mit leichtem bis mittleren Spoileralarm!

„The Florida Project“

Nach einigem Hin und Her hatte ich mich dann doch entschlossen einer Vorführung des oben genannten Films beizuwohnen. Der Trailer hatte von der Thematik her nicht unbedingt mein Interesse geweckt, der Zeitvertreib von kleinen Kindern gehört nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Filminhalten, ich bin ja auch schon ein ziemlich alter Mann.

Allerdings haben mich die Farben der Gebäude und der typische Florida-Look an meine eigene Zeit im sonnigen Urlaubsstaat erinnert, und natürlich hat auch das Mitwirken von Willem Dafoe meine Neugierde verstärkt, unvergessen bei mir sein Auftritt als Bobby Peru mit unzureichend gepflegten Dentaleinheiten.

 

Florida Project Film 1 März 16_00000

Als von vornherein skeptischer Zuschauer sah ich zuerst meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt, ich wurde tatsächlich Zeuge des Alltagtreibens kleiner Kinder, das gefühlt die erste Hälfte des Films zu dominieren schien.Man begleitet mehrere Kinder in wechselnder Besetzung beim ziellosen Herumstreifen durch die Wohnanlage und der näheren Umgebung, wir beobachten sie beim Betteln, um sich eine Portion Eiscreme leisten zu können,  oder bei der Verköstigung von Toastbrot mit Marmelade, welches von einer Art mobiler Wohlfahrt kostenlos verteilt wurde.

Zwischendurch erlangt der Betrachter auch Einblicke in das Leben der Erziehungsberechtigten, gestrauchelte Individuen,die durch die Bank weg einen harten Überlebenskampf führen, konstant getrieben, den täglichen Ansprüchen zu genügen.

Florida bietet hier einen mehr als interessanten Hintergrund, mit seinen bonbonfarbenen Bauten unweit der Fantasiewelt des Disney Imperiums, die für die Protagonisten des Films unerreichbar erscheint.

Irgendwann beginnt der Film das Mutter/Tochter-Gespann mehr und mehr in den Mittelpunkt zustellen, sich auf das Verhältnis der Beiden untereinander zu konzentrieren und es so dem Zuschauer zu ermöglichen, ein Entree zur Handlung zu erhalten und in den Film einzutauchen.

Wir werden Zeuge einer Milieustudie,sind für ein paar Tage Begleiter der beiden Protagonisten in ihrem scheinbar aussichtslosen Kampf gegenüber den Widrigkeiten des Lebens, das dem Duo auferlegt worden ist.

Die Darstellung der Mutter ist aus meiner Sicht überzeugend gelungen, eine „White Trash-Schlampe“, die notgedrungen vor nichts zurückschreckt, sich für Gaunereien, Diebstahl und Körperverletzung nicht zu schade ist, und auch nicht zögert ihren eigenen Körper zu verkaufen.Äußerlich verfügt sie über alle Insignien der Unterschicht. Billig gefärbte Haare, wahllos verteilte Kritzel-Tattoos auf dem gesamten Körper,vulgäre Ausdrucksweise und Lippenpiercing dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Im starken Kontrast zum Erscheinungsbild steht das innige Verhältnis der beiden zueinander, die Mutter hat sehr viel Liebe im Herzen für ihre Tochter, versucht täglich ihr Bestes zu geben, um die Misere zu lindern.

Mit zunehmender Dauer ziehen immer mehr schwarze Wolken auf, man ahnt anhand vieler Anhaltspunkte, dass hier kein Happy End zu erwarten ist,die traute Zweisamkeit ein jähes Ende finden wird.

Die Lebensumstände scheinen keine Perspektive zu bieten für die Erziehung und das Aufwachsen eines kleinen Mädchens,zu beengt das Zimmer ohne Küche und Tisch, zu einseitig die Ernährung mit Weißbrot und Pizza, zu begrenzt die Möglichkeiten der Mutter, für ein gesellschaftskonformes Umfeld zu sorgen.

Ganz zum Schluss bleibt nur die temporäre Flucht in die Märchenwelt, die so unerreichbar schien!

 

The Florida Project 2 März 16_00000

Natürlich darf dieser Beitrag nicht enden, ohne auf die Rolle von Willem Dafoe einzugehen, der mit der Darstellung des Motelmanagers beauftragt wurde. Als Mann für alles verteilt er Kühlschränke auf die einzelnen Zimmer,entsorgt versiffte Matratzen, verjagt  pädophil veranlagte Rentner von der Anlage, bittet ältere Damen um Bedeckung ihrer üppigen Oberweite im öffentlichen Raum, kassiert die Miete, hört auf die Anweisungen der Inhaber, hat aber auch ein offenes Ohr für die Sorgen der Mieter, die ja eigentlich überhaupt nicht in den Ferienzimmern auf Dauer wohnen dürfen.Auch unserer Protagonistin bietet er seine Unterstützung an,appelliert an ihre Vernunft, scheitert aber mit Hilfsangeboten am befremdlichen Verhalten der Mutter.

Dennoch hat er genügend Distanz aufgebaut, und zieht eine deutliche Grenze bei seinem Handeln, in dem er den entscheidenden Tipp an die Behörden gibt, durch das Vorzeigen der Videoaufnahmen.

Als Zuschauer entwickelt man durchaus Sympathie für die Mutter,erkennt aber auch die ausweglose Situation, in der ein kleines Mädchen nicht aufwachsen sollte.

Mehr möchte ich jetzt aber nicht mehr verraten.

In Erinnerung blieben die Szenen, wo die Tochter mehrfach in der Badewanne sitzend mit ihrer Puppe spielend abgelichtet wird, bis man begreift, warum sie dort sitzt!

So vermag ich eine deutliche Empfehlung für diesen Film auszusprechen, der langsam und ein wenig schleppend beginnt, dann aber in ungeahnte Tiefen vordringt und einen beklemmenden Ausschnitt unseres Alltagslebens aufzeigt, auch wenn ein anderes Umfeld gezeigt wird, als wir es vor unserer eigenen Haustür vorfinden!

 

Wer weitere Informationen im klassischen Sinne wünscht, wir hier fündig:

http://www.imdb.com/title/tt5649144/?ref_=nv_sr_1

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