Herr W und das Paket

Herr W hatte sich doch noch entschlossen, eine Online-Bestellung für ein paar Damen-Plüsch-Hausschuhe mit wärmenden Charakter für die kalte Jahreszeit aufzugeben, für € 6,99.- zzgl. Transport- und Lieferkosten.Eine kleine Aufmerksamkeit zum Weihnachtsfest für seine nette Nachbarin, für all ihr Engagement ihm gegenüber.

Eine Warenbestellung im Netz beinhaltet zwangsläufig auf die entsprechende Lieferung des georderten Gutes.Die Auswahl des Paketboten trifft der Versender,als Käufer wird man diesbezüglich in eine passive Rolle gedrängt. Man darf zahlen, hat ansonsten aber nur einen Beobachterstaus.

Nun sind gerade in diesen Tagen wieder unzählige Geschichten über das liederliche Verhalten der Paketboten im Umlauf, die keine Möglichkeit auslassen, um die Empfängerschaft zu frustrieren.

Um so erstaunter war Herr W, als unmittelbar nach der Versandbestätigung des Verkäufers auch eine Mail des Lieferdienstes bei ihm eintraf.

„Lieber Paketempfänger, Ihr Paket ist bald da!“ lautet die Überschrift,“in welchem Zeitfenster Sie mit Ihrem Paket rechnen können, teile ich Ihnen am Tag der Zustellung mit.

Ihr Paketzusteller“

Über so viel Informationseifer war Herr W überrascht, vielleicht hatte sich doch in der Zwischenzeit das Verhalten der Paketdienste zum Positiven hin verändert.

So ging es auch weiter, die nächste Mail am nächsten Morgen versprach Seriosität und Einfühlungsvermögen. Sie lautete:

„Lieber Paketempfänger, Ihr Paket stelle ich Ihnen heute zwischen 11.16 Uhr und 12.16 Uhr an Ihre Anschrift zu.“

Donnerwetter, dachte Herr W, und fühlte sich ob der persönlichen Ansprache schon ein wenig geehrt und ernst genommen.

Er würde auch seinen Arztbesuch ein wenig verschieben, da die Lieferzeit außergewöhnlich konkret und zeitlich eng gefasst war. Sein Fuß war über Nacht sehr stark angeschwollen, eine Begutachtung beim Hausarzt erschien angebracht,es deutete auf Defizite im Lymphsystem hin.

Paketbote 1 Erwartung_00000

Es war 9.32 Uhr und dem beigefügten Live- Tracking konnte er entnehmen, dass das Lieferfahrzeug bereits unterwegs war, der Bote seine Auslieferungen schon aufgenommen hatte.Scheinbar waren noch 29 Paketübergaben vor ihm an der Reihe.

Und niedlich war das ja schon gemacht. Auf dem Stadtplan mit dem vermuteten Standort des Fahrzeuges war der Zielort, also das Wohnhaus indem Herr W sein Domizil aufgeschlagen hatte, als anheimelndes Knusperhäuschen mit schneebedeckten Dach dargestellt, während das Lieferauto in Form eines Weihnachtschlittens abgebildet wurde.

Alle paar Minuten wurde die Liefersituation an das aktuelle Geschehen angepasst, die Anzahl der Auslieferungen reduzierte sich Schritt für Schritt, das Auto war jetzt nur noch zwei Querstraßen entfernt, die Lieferzeit wurde ebenfalls ständig aktualisiert.

Dann war es scheinbar endlich soweit. Sein Paket war jetzt an der Reihe,laut Tracking sollte die Auslieferung in zehn Minuten erfolgen.Herr W lief aufgeregt und humpelnd zum Fenster, gleich müsste das Auto in der kleinen Straße in seinem Blickfeld auftauchen. Hoffentlich bekam er seinen Schuh noch über den geschwollenen Fuß!

Aber ein Lieferwagen war nicht zu entdecken, auch nach zwanzig Minuten noch nicht, stattdessen war der Live- Tracker wieder in die Ausgangslage zurückgesprungen, 29 Paketübergaben lagen erneut vor ihm, das Auto befand sich außerhalb des Stadtgebietes.

Verwundert und ein wenig ratlos strich er sich mit der einen Hand über seinen dicken Fuß,warum kam er nicht, ein Systemdefekt,vielleicht war der Fahrer von der Strecke abgekommen,ein Husarenüberfall, ein Angriff des Riesenvogels Roc, ein Tsunami,Ausbruch der vierten Intifada, oder gar ein von linksliberalen Kräften ausgelöster Entrüstungssturm?

Dann, nach gefühlten endlosen Minuten endlich die erhoffte und erlösende Mail vom Paketboten:

„Lieber Paketempfänger,es gibt Neuigkeiten zu Ihrer Sendung.

Leider konnte ich heute Ihr Paket nicht zustellen, daher bringe ich Ihre Sendung für Sie zur Abholung in einen unserer Pickup- Paketshops in Ihrer Nähe.

Sobald die Sendung dort zur Abholung bereit steht, erhalten Sie die genaue Adresse und Öffnungszeiten Ihres Pickup- Paketshops.“

Aha, obwohl das Auto, und damit auch der Lieferant scheinbar direkt vor der Haustüre standen, hat er sich doch entschieden, meine erwartete Lieferung extra für mich woanders abzugeben, nämlich bei meinem Paketshop irgendwo in der Nachbarschaft!

Nach weiteren vier Stunden dann die finale Nachricht von „meinem“ Paket-Zusteller:

„Im Pickup-Paketshop wartet Ihr Paket auf Sie“

 

Paketbote 2 Enttäuschung_00000

Na,toll, umsonst gewartet und doch wieder veralbert und vorgeführt, nur eben auf eine andere, bisher unbekannte Art und Weise.Durch das persönliche und direkte Ansprechen des Kunden soll durch eine Art Prophylaxe,Zornesröte und Empörungsbereitschaft des Bestellers im Zaum gehalten werden, während das eigentliche Verhalten und Benehmen des Lieferdienstes sich in keinster Weise geändert hat.Die Umverpackung hat sich geändert, der Inhalt jedoch nicht, um im Genre zu bleiben.

In Falle von Herr W befand sich der „Pickup- Paketshop“, indem das begehrte Paket mit den Plüsch- Hausschuhen auf ihn wartete, in einem Bestattungsunternehmen, genauer im Vorraum des Ladens.Vielleicht lagerten die Hausschuhe temporär im Einbalsamierungsraum? Herr W wollte keine Antwort auf diese Frage!

Nach geschätzten vierzig Minuten Fußweg erreichte Herr W endlich mit schmerzendem Fuß die Paketausgabestelle.Der schwarz gekleidete Bestattungsunternehmer, ein älterer Mann von sehr hagerer Gestalt, an die bekannte Filmfigur des „Vollstreckers mit Maßband“ erinnernd, musterte Herrn W ausgiebig von oben bis unten,eventuell vermutete er ob der unvermeidlichen Humpelei zusätzlichen Umsatz in der näheren Zukunft.

Für den Heimweg hatte Herr W sich ein Taxi rufen lassen, da der Fuß zwischenzeitlich doch sehr schmerzte, er bedauerte seine Kaufentscheidung,den zeitlichen Aufwand und die zusätzlichen Kosten, denn seine Sympathien für seine nette Nachbarin hielten sich eigentlich in Grenzen.

Als er sichtlich genervt mühsam auf dem Rücksitz des Taxis Platz nahm, drehte sich der Fahrer nach ihm um und fragte:

„Wo du wolle?“

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