Nur zur Weihnachtszeit

In diesen Tagen und Wochen finden wir beim Stöbern durch die Medienlandschaft wieder Bilder, Berichte, Reportagen und jede Menge Artikel über Weihnachtsmärkte, die ihre Dienstleistung über die ganze Republik verteilt anbieten.

Dabei wird uns seit Jahrzehnten unverändert ein anheimelndes Bild dieser vorweihnachtlichen Institution vermittelt.Klischees werden genutzt, um eine idyllische Bühne einer längst vergangenen Zeit aufzubauen.

Wir haben diese Bilder und Momente verinnerlicht, wo die glückliche vierköpfige Familie, beseelt von der Vorfreude der Adventszeit, vor einem Verkaufsstand in Form eines kleinen niedlichen Holzschuppens steht, das Dach mit Tannenzweig- und Lichterketten verziert, bedeckt von einer leichten Schicht Schnee oder zur Not auch Wattebäuschen,beleuchtet durch faden Kerzenschein, während der Mitarbeiter in der Hütte sein freundlichstes Lächeln aufgelegt hat, seinen Blick auf ein langsam drehendes Weihnachtkarussell, angetrieben durch aufsteigende Thermik der wackelnden Flammen der Teelichter, gerichtet.

Die Erziehungsberechtigten halten jeweils eine echte Porzellantasse mit frisch zubereitetem dampfenden Glühwein in der Hand,umgeben vom abkühlendem Atem, der in der kalten Winterluft seine Kringel zieht.Die Kinder, vielleicht eine große Portion Zuckerwatte oder einen rot lackierten Bratapfel an einem dünnen Holzstab haltend, oder einen in der Auslage befindlichen, aus heimischen Hartholz gedrechselten Nussknacker aus einem der neuen Bundesländer, mit weit aufgerissenen Augen und rosigen Wangen begutachtend.

 

weihnachtsmarkt 2_00000

Jetzt, nach Jahrzehnten der Abstinenz gewann die Vorstellung eines Besuches dieser Art von Festivität die Oberhand, und wir beschlossen den Ersten Advent zu nutzen und einen der nicht allzu weit entfernten Weihnachtsmärkte aufzusuchen, um unseren Bedarf an Besinnlichkeit und Harmonie zu stillen, alten Traditionen zu frönen, und sich zumindest gedanklich ein wenig in die Kindheit zurück zu versetzen

Auch als wenig religiöse Menschen denken wir in diesen Wochen wie selbstverständlich an das Hochfest der Geburt des Herrn, an die Liturgie der Christvesper, und natürlich auch an die Taufe des Herrn am Sonntag nach der Erscheinung des Herrn,spüren die Kraft des christlichen Glaubens und in Teilen auch die der Dreifaltigkeit.

In diesen beglückten Gemütszustand betritt man dann irgendwann und irgendwo das Marktgelände,denkt an den Duft gebrannter Mandeln, heiß dampfenden Glühweins,an das leicht fettige Odeur echter Bratwürste auf dem spritzigen Grill, an die Melodien vertrauten Liedguts,an Glockenklang und Engelshaar, übersieht dabei gern auch in die Geschenkpapier eingewickelten Poller und Schrammelemente aus Beton, ebenso wie die Polizeibeamten mit sichtbar getragener Maschinenpistole.Nichts soll uns von unserer Vorfreude ablenken.

Voll und betriebsam, und ein wenig hektisch wird es bestimmt werden, wir sind gut vorbereitet und bester Laune,uns gemeinsam mit den himmlischen Heerscharen in dieses für uns seltene und nicht alltägliche Abenteuer zu stürzen!

Aber was ist das? Blitzschnell sind wir gefangen in einem fast schon irrsinnigen Maelstrom sich hektisch bewegender Menschen, begleitet von ungeheurer Lärmkulisse, die einem die Ohren taub werden lässt.

Man fühlt sich eher wie auf einer bekannten Tourismusausstellung in den Hallen unter dem Berliner Funkturm, als auf einem deutschen Weihnachtsmarkt, oder politisch korrekt ausgedrückt, auf einem „Lichterfest.“

Menschen aus aller Welt bieten hinter unzähligen Ständen und Buden ihre Waren feil, phonetisch schwer einzuordnende  Sprachfetzen dringen ans schon lädierte Ohr, die Augen erblicken einen „Asia- Noodle- Shop“, exotische Gerüche verbreitend.

weihnachtsmarkt 3_00000

Exotik pur auch an den Verkaufsständen. Damenhosen für fünf Euro an dem einen Stand, Plastik- Roboter mit Blink- Dioden an einem anderen.Handtaschen und lange Unterhosen werden kredenzt, ebenso wie gebrauchte CD´s und neue Fahrradschlösser.

Ich zögere ein wenig beim Erwerb einer Achterpackung AAA- Batterien, schlage den Besitzwechsel eines faltbaren Herrenschirms mit schottischem Karomuster nach zäher Verhandlung aus,lehne die Offerte zum Kauf vom original laotischer Fischsauce mit Riesenwasserwanzen-Aroma freundlich dankend ab,und verweigere auch die Erstehung orange-blau- farbener Flip-Flops zum Schnäppchenpreis!

Durch dieses Gewusel rennen Sicherheitskräfte und Polizisten kreuz und quer, hier ein Diebstahl einer Geldbörse,dort ein heimliches Begrapsche unterhalb der Gürtellinie, die Ordnungshüter beweisen ihren Einsatzwillen durch robustes Auftreten und unterbinden einen vermuteten spontanen Faustkampf aus verletzter Eitelkeit schon im Ansatz.“Bitte achten Sie auf Ihre Wertsachen“ schallt es herüber.

Vor diesem Unbill flüchten wir in einen der schmaleren Seitengänge, um ein wenig zur Ruhe zu kommen und wieder ein gerüttelt Maß an Besinnlichkeit aufzubauen.Wir suchen leicht verwirrt das nähere Umfeld ab, spähen nach vertrauten Insignien der Vorweihnachtszeit, wie etwa einem dickbäuchigen Nikolaus mit Wattebart, nach einem Rentier mit roter Nase, nach Spekulatius und Lebkuchenherzen, oder einem Engel mit goldenen Flügeln. Fehlanzeige, unser Standort scheint ungünstig, wir laufen ein paar Meter weiter, stehen dann unvermittelt vor einem der zahlreichen Getränkeausgaben, in diesem Falle auch „Glühweinstand“ genannt.

Hier hat sich schon die Elite der lokalen Branntweinvernichter eingefunden, wie Platzhirsche dominieren sie den unmittelbaren Bereich vor dem Ausschank.Der Territorialanspruch wird durch überlautes Rülpsen mehr als verdeutlicht.Hastig leeren sie den Inhalt der weißen Plastikbecher, wie es eben nur erfahrene Spirituosenfachmänner zustande bringen. Mit elegantem Schwung aus dem Handgelenk landet der Becher auf dem Boden, den direkt daneben stehenden Abfallbehälter bewusst ignorierend. Da, wo der ausgediente Trinkbehälter landet, sitzt bereits ein Mann auf dem eiskalten und matschigen Boden,er übergibt sich kurz in seinen noch halb gefüllten Becher, um unmittelbar danach den angereicherten Inhalt die durstige Kehle hinunter zu schütten.Sein scheinbar bester Kumpel hat sich bereits im Schritt benässt, beobachtet die Szene mit stoischer Gelassenheit,stößt aber einen unverständlichen Kampfschrei aus. Hastig zieht eine besorgte Mutter ihren Eleven aus dem Handlungsbereich dieser entwürdigenden Tragödie.

weihnachtsmarkt 1_00000.jpg

Erschöpft von dieser Art der vorweihnachtlichen Magie, brechen wir unseren Besuch ab.

Nur ein wenig später auf dem Parkplatz, lutschen wir genüsslich an einigen sehr zuckerhaltigen grünen Fröschen aus Fruchtgummi einer bekannten Firma in der Nähe des Rheins gelegen, die wir uns zum deutlich überhöhten Verkaufspreis an einem der festlich geschmückten Weihnachtsstände gekauft haben. In diesem Moment schmecken sie für uns nach Apfel, Nuss und Mandelkern, und wir genießen doch noch einen besinnlichen Ausklang an diesem Adventssonntag!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s